Interview Deutschlandfunk

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Deutschlandfunk: Die Autowerte waren ja gestern schon den ganzen Tag eigentlich der Renner. Aber der Dax, der hatte ein Prozent eingebüßt. üBer den Tag sich mitreißen lassen vom Ausverkauf der Aktien in den USA. Die waren zuvor von einem Rekordhoch zum nächsten gestiegen in den letzten Wochen. Jetzt diese Umkehr bei den Technologie-Unternehmen.

Deutschlandfunk: Darüber habe ich kurz vor der Sendung mit Roland Fiege gesprochen. Von ihm wollte ich zunächst wissen Was ist denn das, was wir jetzt sehen? Eine Trendwende? Und hier ist seine Antwort Nein.

Roland Fiege: Ich denke, das lag in erster Linie daran, dass in den letzten Monaten durch die Pandemie getrieben, natürlich Anleger, auch institutionelle Anleger, sich gefragt haben Womit kann man denn überhaupt noch Geld verdienen in der Zukunft? Viele andere sichere Banken wie Reiseindustrie, zum Teil auch Airlines. All diese Dinge sind ja weggebrochen, werden auch auf eine gewisse Zeit sich nicht wieder erholen. Ich denke, das war auch so eine gewisse Flucht in die Hoffnung, in die Technologie, die ja auch durchaus begründet ist.

Deutschlandfunk: Wie ist denn der rasante Aufschwung bei den großen amerikanischen Technologiefirmen zu erklären?

Roland Fiege: Ja, wir werden eine Zeit erleben, dass wir jetzt ja gerade mittendrin, wo die Digitalisierung von allen Dienstleistungen und allem, was nicht niet und nagelfest ist, passieren wird. Wir haben es selbst auch in einem steinzeitlichen Land wie Deutschland, was Digitalisierung angeht, erlebt, dass dann auf einmal Dinge, die unmöglich schienen, auf einmal ganz schnell gehen. Auch wenn es sicherlich nicht überall professionell zugegangen ist. Aber auf einmal waren Dinge digital möglich von zuhause arbeiten, mit den Lehrern summen. All diese Kleinigkeiten, die doch sehr, sehr wichtig sind, hat gezeigt, dass da eine Trendwende zu sehen ist. Und die wird sich nicht wieder zurückdrehen lassen.

Deutschlandfunk: Die großen, traditionsreichen Industriekonzerne hierzulande kämpfen ums überLeben. Der Maschinenbau, die Autobranche, die Chemiebranche. Bislang hatten sie gesamtwirtschaftlich gesehen eine Schlüsselstellung inne. Ist das jetzt so etwas wie ein letztes Aufbäumen, bevor die Industrie Ihnen den Rang streitig machen wird?

Roland Fiege: Nein, wir sehen definitiv eine Götterdämmerung der traditionellen Industrien, was natürlich mit einer Riesenwelle und auch viele, viele mitreißen wird. Sei es Chemiebranche und auch andere Bereiche. Der Hintergrund ist einfach, dass die Pandemie uns gezeigt hat, dass es, so wie es vorher ging, nicht weitergeht. Wir haben auch gesehen, dass selbst Konzerne wie Exxon, die lange, lange Zeit als das wertvollste Unternehmen der Welt galten, auf einmal nicht mehr so wertvoll sind. Dieses werden wir in Deutschland auch erleben, und da zeigt sich jetzt einfach, dass wir so viele Dinge verschlafen haben in den letzten 30 Jahren, angefangen bei Infrastrukturausbau, Glasfaser, aber insgesamt einfach die Ausrichtung auf Dienstleistungen, auf digitale Dienste. Das rächt sich jetzt.

Deutschlandfunk: Welche Rolle spielt die deutsche Industrie?

Roland Fiege: Leider eine viel zu geringe. Es gibt sehr gute Initiativen, es gibt sehr gutes Niveau. Es gibt sehr gute Köpfe in diesem Land, und da ist hier noch viel Handlungsbedarf in Deutschland.

Deutschlandfunk: Wie sieht es denn mit der chinesischen Konkurrenz aus?

Roland Fiege: China hat sehr systematisch den Bereich künstliche Intelligenz ausgebaut. Zum anderen gibt es in China Services, die alle mobil ablaufen, bezahlen, kaufen, handeln und sich gegenseitig Geld überweisen. China hat sich quasi seinen eigenen Markt geschaffen und ist in vielen Bereichen sehr, sehr weit vorne, sodass sogar Silicon Valley langsam Angst davor hat.

Deutschlandfunk: Auch in der Tech-Branche gibt es Veränderungen. Microsoft, Amazon und wie sie alle heißen Sie haben heute andere Geschäftsmodelle als noch vor zehn oder 20 Jahren. Welche Trends sehen Sie?

Roland Fiege: Macht sich in gewissen Bereichen gegenseitig Konkurrenz. Aber der Markt ist so groß und so schnelllebig, dass wirklich Technologiekonzerne oder vermeintliches Social Network wie Facebook mit sehr vielen Diensten und Künstlichen Intelligenz Diensten vorbeikommen. Die ergänzen sich. Zum einen haben die wirklich viele Jahre Vorsprung vor dem europäischen Markt, so dass es sehr, sehr schwer wird, das einzuholen.

Deutschlandfunk: Das sagt Roland Fiege. Und den Dax haben Sie vorhin kurz angesprochen. Der steigt deutlich plus fast ein Prozent auf jetzt 13 021 Punkte.